...
HOME
...
REISEN
    Irland
    Schweden
    England
    Schottland
    Wales
    FORUM
...
Über das Rucksackreisen
...
KULTUR
    Bücher
    Musik
    Filme
...
LINKS
...
GÄSTEBUCH
    Archiv
...
MOI?
...  
 
 
 
 

Impressum

SCHOTTLAND 2000    Teil 5


 
 
 
27.7.0
Donnerstag

9Uhr20
Inverness, Student Hotel, Kaminzimmer
Warten auf die Abfahrt.
Gestern hab ich ja wahnsinnig viel geschrieben... tatsächlich war es ein sehr ereignisreicher und schöner Tag. Bisschen mehr Fahrerei als sonst, aber dafür sind wir auch über die anscheinend steilste Straße Europas, durch's Glen Torridan und vorbei am Apple Cross, gefahren. Heißt, die Straße selbst war größtenteils nicht unbedingt so steil, aber der Abgrund daneben war sehr abrupt und ziemlich tief. Außerdem kann man da irgendwo die ältesten offenliegenden Gesteinsmassen der Welt bewundern, was Roger, als Hobbygeologe, sehr aufregend fand. Wahrscheinlich krieg ich jetzt wieder keinen einzigen Ortsnamen auf die Reihe.

Da war es noch nicht so steil...:

9Uhr25
Jetzt im Bus. Ich hab quasi das ungute Gefühl, dass mir gleich beim Fahren furchtbar schlecht wird.
Wir waren nämlich gestern im Pub Blackfriar's in Inverness. Und ich trank drei prallgefüllte Pints of Guinness und hatte etwa acht "Illusions" - grünes Zeugs, schmeckt irgendwie nach Ananas und Melonen und enthält unter anderem wohl Blue Curacao und Wodka. Schon lecker, aber alles zusammen haut tierisch rein.
Nichtsdestotrotz oder gerade deshalb war es ein wunderbarer Abend, wir hatten unglaublich viel Spaß, und zwar einfach, weil alle mitgemacht haben. Toasts ("I say: Seven days!!!"), Sprechchöre ("Whadda we think of Roger? - Heee's alright!..."), weitere Toasts ("I say: to Australia, to New Zealand, Scotland, Spain and Germany!"), weitere Sprechchöre ("I say O-A-Javier, say O-A-Javier, whadda we say? O-A-Javier..."), mitsingen, klatschen und trommeln (es gab da so ne Ein-Mann-Band).
Oh, und dann, auf dem Weg nach "Hause" natürlich lautstarke Gesänge (hoffentlich wohnte da niemand) - Donald, where's your trewsers?
Hab außerdem auch noch ne Katze und zwei Freiburger auf dem Weg zum Hostel getroffen. Katze haarte stark, Freiburger sehr nett.

12Uhr40
Dog Falls, Mittagspause
Ich genoss gerade einen Safeway's Potato Salad, und kann den wirklich sehr empfehlen. Schön locker, flockiges Dressing.
Scheiß Bremse kreist hier um mich rum... naja. Mittlerweile hab ich auch einige Bisse der fucking midges abgekriegt. Die tauchten gestern mehr oder minder unvermittelt in Scharen auf.
Das wird ein richtig schön chaotischer Tagebucheintrag, ich seh's schon.
Also, gestern waren wir noch an einem Loch, Name folgt hoffentlich. (Und - tadaaa - hier ist er nun, im Nachhinein Forces holdem Tagebuch entnommen: Loch Chroisy)
Die Jungs sind dort nackt baden gegangen, was natürlich für einigen Klamauk sorgte (ich sag nur: "OH MY GOD! It's gone!!!"), und haben auch den Beschluss gefasst, dass es im Loch Ness ein nuding up für alle geben müsse, denn "you can't go to Loch Ness and not nude up".
Wir werden ja sehen. Heute. Heute besuchen wir Nessie.

Man beachte die gekonnte Uniformität der Schwungkurve (besonders im Vergleich nachher bei Loch Ness, wo die Kälte der Konzentration wohl doch recht abträglich war...):

Und vorher besuchen wir noch so einen Sport- und Funpark, wo man für teuer Geld Wasserski fahren, Paddeln, Angeln, Raften und noch so einiges machen kann. Man kann die drei Stunden dort aber auch ganz nach Belieben mit irgendwas Kostenlosem verbringen.
Now, what else?
Wo ich grad Englisch schrob:
Gestern nacht war ich doch tatsächlich dermaßen besoffen plus ans Englische gewöhnt, dass ich richtiggehend Schwierigkeiten hatte, mich mit den zwei Freiburgern zu unterhalten. Mag auch etwas an deren Dialekt gelegen haben, aber meine Satzstellung ließ doch arg zu wünschen übrig ("Wo seid Ihr denn von?") *argl*
Nun, gestern waren wir auch beim Eilean Donan Castle. Toll. Innen war auch ganz nett, besonders die Architektur (enge Gänge und Alkoven und so).

Das meistfotografierte Castle Schottlands... exklusiv hier für Sie:

Das war`s glaube ich zu gestern.
Heute waren wir zunächst bei den Plodda Falls (sehr beeindruckend) und sind nun im caledonischen Urwald mit seinen Scotch Pines und Silver Birches.

Pladder, pladder, pladder:

Nur noch sieben Minuten Mittagspause, ich geh wohl besser mal auf's Klo (wenig Toiletten in den Highlands, Roger hat uns (besonders uns Frauen) gleich am ersten Tag gebeten, jede nur mögliche Toilette zu nutzen. Even if you don't have to go... squeeze one out, alright?).

P.S.: Ich bin "Ben Nevis"!

19Uhr50
Jetzt bin ich "MacRae", denn wir wurden ins "Clans"-Zimmer verlegt, und ich bin furchtbar melancholisch. Die erste große Welle. Morgen ist der letzte Tag der Tour, übermorgen Abreise, überübermorgen Ankunft, und den Montag möchte ich am liebsten gar nicht mehr erleben. Allein schon, wenn ich an die ca 25 noch nachzureichenden Berichte für's Ausbildungsprotokoll denke, könnte ich aus dem Fenster springen.
Kein Singen mehr im Bus (heute war mal wieder ein besonders singfreudiger Tag, mit "Grease" und natürlich auch Donald). Keine spontanen Badeaktionen mehr. Kein Spaß. Außer manchmal.

(((11.8.0.: Beim Aufarbeiten meiner netten Reise habe ich mal wieder in meinem Velbinger geblättert, und siehe da, ich habe etwas ganz Erstaunliches entdeckt. Die Katze, die ich nach meinem Alkoholexzess in Inverness - ungefragt und ungeachtet ihres leicht überrascht-panischen Gemaunzes - auf den Arm genommen und rücksichtslos betüttelt hatte, heißt Simba. Jaja, steht tatsächlich in meinem Reiseführer.
Es muss einfach Simba gewesen sein, denn sie stand vor dem Mazbackpackers Hostel, welches so ziemlich gleich neben unserem Student Hotel lag. Und das Mazbackpackers hat eine Hauskatze namens Simba. Also kann ich jetzt mal behaupten: Simba is ne ganz Pflegeleichte. Kratzt und beißt nicht, auch wenn man sich ihr sturzbetrunken aufdrängt...)))

28.7.0
Freitag

9Uhr
Inverness, Student Hotel, Kaminzimmer
Letzter Tag.
Schrecklich, schrecklich. Aber es gibt Leute, denen geht es noch schlechter. Das ist einerseits traurig, beruhigt aber auch irgendwie.
Gestern nacht, so gegen ein Uhr, haben wir das Irish Pub verlassen, und wie der Zufall es wollte, hab ich mich an Mark, Emily (aus Kalifornien), Enrika (aus Finnland) (beide waren gestern mit uns auf Tagestour), sowie Shane und Wendy (beide aus Kanada) gehängt, um einen kleinen Spaziergang entlang des River Ness zu machen. Shane und Wendy blieben irgendwann allein flirtend zurück. Und Emily fing an zu weinen. Denn Emily und Shane waren seit zwei Wochen zusammen, und sie konnte es einfach nicht fassen, dass er das vor ihren Augen und ohne ein erklärendes Wort getan hat. Vor allem, wo er wusste, dass ihr das schon zweimal passiert ist, und wie sehr es ihr weh tun würde. Wir übriggebliebenen hatten dann ein sehr deprimierendes und emotionales Gespräch über Liebe und Herzschmerz. Sehr begrüßenswerte Ansichten über Freundschaft und Loyalität hat das Mädel. Arme Kleine...
Nun, lassen wir das.
Kommen wir lieber wieder zu einer fröhlichen Anekdote, wo ich doch gerade den River Ness erwähnte:
Eines Tages hatte uns Roger die Geschichte einer länglichen Insel vor der Küste von Skye erzählt. Er sagte, da spritzte manchmal das Wasser hoch, weil irgendwer da Bomben ausprobiert. Ooooh, das fanden alle schrecklich faszinierend, aber haben darüber dem Namen der Insel ziemliche Nichtbeachtung geschenkt. Tage später sahen wir die Insel wieder, diesmal von der steilen Straße aus, und Roger berichtete uns von einem Campingausflug mit seiner damaligen Freundin. Einerseits hatte diese Freundin beim Befahren der schrecklichen Straße einen Heulanfall gekriegt. Andererseits war sie ganz gerührt gewesen, als er ihr eben diese Insel zeigte, denn die trug denselben Namen wie Rogers Freundin. Aber, um Himmels Willen, wie hieß sie denn nun?
Das wusste natürlich keiner mehr, und Roger, ganz der strenge Lehrer, ließ uns minutenlang rumrätseln... letztendlich kam wirklich keiner drauf, also verriet er es uns: Die Insel heißt Rona. Uff.
Noch etwas später, bei unserer Ankunft in Inverness, erzählte uns Roger, dass der River Ness der kürzeste Fluss von Europa ist, nur sechs Meilen lang, und er fließt zwischen dem Loch Ness und dem Meer. Oh, was haben wir angestrengt zugehört. Zum Glück, denn etwas später fragte Roger ganz unvermittelt: "Force, what can you tell me about the river Ness?"
Und Force antwortete in einem unbeschreiblich souveränen und coolen Ton:
"Ah, well, the River NESS is the SHORTEST river of Europe... only SIX miles long. Runs between the loch Ness and the Sea."
Also, immer schön aufpassen.
Gestern nachmittag waren wir noch in diesem Sportpark bei Fort Augustus. Man kann sich da auch eine Hütte mieten.
Nach einiger Unentschlossenheit (nicht meinerseits) endete ich in einem Kanadier Kanu mit Javier und Enrika. War ganz nett.

Wie die Indianer:

Wir sind in Schlangenlinien über den See gezogen und haben uns über (mal wieder dieses Thema) Sprachen unterhalten. Dabei stellte sich heraus, dass auch Javier einigermaßen passabel Englisch sprechen kann (also so, dass es nicht wehtut zuzuhören), wenn er nicht unter Zeitdruck steht. Naja, Zeit ist ja scheinbar sowieso sein Problem (kommt ja ständig zu spät ("If Javier’s here, then everyone’s here.")). Roger meinte einmal, wir müssten das akzeptieren, die spanische Stunde hätte nunmal 80 Minuten...
Süßer Hund war da auch. Wurde von seinen kindlichen Besitzern ständig ins eiskalte Wasser getrieben bis er furchtbar zitterte. Man sah ihm den Widerwillen an, aber der Instinkt siegte dann doch regelmäßig ("Fetch the stick! Fetch it! Goooood laaad!")
Dann kam noch ein Intermezzo mit einem Nessie-Forscher und Freund Rogers. Name: Stevie. Hat sein Leben der Entdeckung von Nessie (oder eher derer mehrere, denn das ist ein Teil seiner Theorie) gewidmet und finanziert sich die Sache mit dem Verkauf von putzigen Nessie-Fimo-Modellen. Preis pro Stück sieben Pfund! Aber wir haben alle ein Pfund in einen Hut geschmissen, drei Nessies gekauft und dann ne Lotterie veranstaltet. Jeder bekam eine Nummer gesagt (ich war die Vier), und Stevie (der währenddessen in seinem Wohnwagen war) rief dann drei Nummern auf. Und, was soll ich sagen, es waren die 19, die 15 und die 4!!!
Ja, ich hab jetzt einen hübschen, schielenden Fimo-Nessie. Cool. :0)
Einige Leuts sind dann natürlich auch ab in den Loch und haben "nuding up" betrieben. Waren aber längst nicht alle, und ich hab's auch nicht über mich gebracht, obwohl ich's ja vorhatte. War aber erstens viel zu kalt (gerade kein Sonnenschein und dann diese angeblich konstante Wassertemperatur von lauschigen 4 Grad Celsius), und zweitens war ich viel zu melancholisch für so viel Spaß...

Bitte auch hier wieder beachten: Die Koordination der Hosenschwinger - hat doch eher nachgelassen, seit dem letzten Mal, oder? ;0>>>:

Oh, ich habe meine Rice Crispies in der Küche vergessen!

9Uhr20
Oder wo sonst? Konnte sie nicht mehr finden, und mein Handtuch (eins meiner beiden Handtücher, besser gesagt) dürfte auch noch über der Heizung im "Munros"-Zimmer hängen, da ich mich nicht hineingetraut habe. Ist ja jetzt ein "boys room".
Also, falls jemand mal nach Inverness ins Student Hotel kommt und da ein knatschgelbes Handtuch mit Blümchen sieht, es ist wahrscheinlich meins...
Übrigens haben die sich ja gestern schon alle ganz rührend darum bemüht, dass ich im Pub meinen Spaß habe (Jacko meinte: "You need to lift, Annika!" Aufstehen? dachte ich erst, aber haben wir mal wieder ne neue Vokabel gelernt. Das heißt quasi fröhlicher werden). Ständig wurde ich auf die Tanzfläche forciert, und mit Owen hab ich mich ein bisschen über Liebe und Leben unterhalten. Das war ganz nett, hat aber alles auch nicht wirklich geholfen. Da sind schließlich immer noch die 25 Arbeitsberichte...

10Uhr40
Culloden Battlefield
Herrjeh, das ist unglaublich intensiv hier...
Ich hätt fast geheult (und ich war nicht die Einzige), war wirklich nur noch ein Mikrometer bis zum Überlaufen, dabei bin ich doch gar keine Schottin - aber es ist einfach eine schreckliche Vorstellung, wie diese armen Kerle damals auf diesem Feld, auf dem wir so mir nichts dir nichts rumschlendern, verblutet sind! Und einige Leute betrachten das Ganze sogar mit verdammt unangemessener guter Laune, wie ich finde, ich trau mich ja schon kaum, auch nur Fotos vom Gelände zu machen, andere dagegen posieren lächelnd vor den Gräbern *kopfschüttel*. An welcher Stelle ich auch stand, ich hatte ständig die Befürchtung, dass gerade dort jemand sein Leben gelassen hat. So groß ist das Feld ja nun auch nicht, und wo da mindestens 1500 Tote (inklusive Engländer) rumgelegen haben müssen...
Ich wette, da spukt es auch.
Und diese Grabhügel. Im Prinzip bloß eine leichte Erhebung im Gras mit einem verwitterten Stein auf dem ein Clansname steht, aber... Ich konnte gar nicht hinschauen.
Besonders schlimm ist es, wenn man die Geschichten der folgenden Stunden, Tage und Jahre kennt, sei es durch Diana Gabaldons Highland Saga oder durch diverse Geschichtsseiten im Internet oder so.
Es ist so traurig...
Ich möchte gar nicht wissen, was passiert, wenn ich mal nach Ausschwitz komme *schluck*