19.4.01
Donnerstag
11h
York Station, im Zug gen Edinburgh
Zunächst mal, hallo, lange nicht gesehen. Hatte gestern keine Lust zum Schreiben, dabei gab`s ne Menge zu berichten. Mach ich das halt jetzt. Glücklicherweise hab ich einen Sitzplatz mit Tisch, fahre vorwärts und habe ein Paket frischer Scones neben mir liegen. Alles ist gut.
Ich habe soeben ganz mutig Marie angerufen. *stolzsei* Morgen fahr ich also zu ihr und Anna nach Hartlepool - freu mich schon riesig! Geld hab ich auch wieder - zwar nicht sehr viel (nur noch ca 10 Pfund zum Ausgeben), aber immerhin genug. Nach einem von mehreren Telefonaten mit der Heimat (wo sich auch keiner das Problem erklären konnte), probierte ich mal wieder mein Glück, und siehe da! Beim zweiten Bankautomaten klappte es dann! Obwohl zwischen den beiden Versuchen nur wenige Minuten lagen. In meiner Erleichterung wollte ich erstmal die Eltern kontaktieren, wählte also das nächste öffentliche Telefon aus und schmiss ein Pfund rein. Kaum war die Verbindung hergestellt (also mein Pfund hoffnungslos verloren) gab`s aber nur ein hässliches Fiepen und Pfeifen im Hörer. *grrrrr* Wenig später, benachbarter Apparat, dasselbe nochmal mit 20 Pence. Dann halt nicht.
Ich hatte sowieso mit Elterns ausgemacht, dass die mich um 18h in der Telefonzelle anrufen. Also erstmal ins Internetcafé im Stonegate, wo man (als kostenloses Mitglied) für eine Stunde à ein Pfund surfen kann (aber Achtung, alles unter einer Stunde kostet auch ein Pfund!). Dann zu LUSH (bei gutem Wetter im weiten Umkreis erschnüffelbar), wo ich mir aber leider nur drei Badebomben erlauben konnte *schnief*. Zurück im Hostel begab ich mich mal wieder in mein eiskaltes Zimmer, dort in mein hinreichend warmes Bett, und krönte das Ganze noch mit Jacke, Schal und Mütze. Das Wetter war eh bescheiden, und ich wollte Jack Holborn weiterlesen (würd so gerne die Fernsehserie mal wieder sehen!!!!).
So lesend erwischte mich eine Mitarbeiterin des Hostels als sie gerade zwei Neuankömmlinge einwies (zwei Spanierinnen, die irgendwie geschockt aussahen). Anscheinend meldete sie diesen Umstand sofort, denn wenig später kam ein weiterer Mitarbeiter rein und schaltete die Heizung an. Hätte ich auch mal selbst drauf kommen können. Immerhin steht die direkt unterhalb von meinem Bett, und es hängt auch noch ein riesiges Schild drüber: Please don't put clothes on the radiator to dry!
Naja, jedenfalls war sie dann an und machte ein tuckerndes Motorengeräusch. Dies veranlasste den Typen dazu, zu sagen: "Sounds as if you were on a boat!" Was tatsächlich eine ziemlich treffende und witzige Vorstellung war, eingemummelt in meiner Decke, hoch oben auf meinem kleinen Kahn gen Westen schippernd... ich liebe die Angestellten in diesem Hostel! Zumindest die Männlichen. Und das meine ich nicht auf schwärmerische Weise. ;oP
Schließlich war es fast 18h, und ich machte mich auf zur Telefonzelle. Und wartete. Und wartete. Um knapp zehn nach sechs rief ich dann zuhause an, und dann ging mir auch ein Licht auf! In D-Land war`s ja schon eine Stunde später! Papa hatte natürlich zur hiesigen Ortszeit um 17h angerufen! Ich Dussel...
Nun, jetzt war jedenfalls alles in Butter, also begab ich mich wieder ins Hostel, machte mir ein Paket Bachelors Super Noodles und hockte mich dann für den Rest des Abends ins Fernsehzimmer, wo ich auch eine ganz nette Japanerin kennenlernte (nachdem wir beide schüchtern schweigend 15 Minuten nebeneinander gesessen hatten...). Natürlich machte sie den Anfang, wobei ich erstmal kein Wort verstand... hatte nicht die beste Aussprache, die Gute. Die erste Frage war traditionsgemäß "Where are you from?", und ich hatte diese Frage schon minutenlang in meinem Kopf immer wieder wiederholt, denn eigentlich wollte ich sie ja auch stellen... aber Haruko war schneller.
Sie reist auch allein, ist 26... und sieht aus wie allerhöchstens 18. Im Gegenzug war sie dann überrascht, dass ich doch schon 23 bin. Nachdem wir ein wenig palavert hatten, kamen einige Herren der Schöpfung herein und eröffneten uns höflich bedauernd, dass sie jetzt wohl gleich auf Fußball umschalten müssten. Aber *haaahaaaa*, genau darauf hatte ich ja spekuliert - Manchester United gegen Bayern München, das musste doch die Massen anlocken. So bezeugte ich denn den Untergang von Man U (wobei ich für keines der beiden Teams wirklich Sympathie hege), gemeinsam mit ungefähr acht Jungs und ab und zu auftauchenden Mädels (Haruko hielt`s nicht sehr lange aus, kam aber später wieder).
Ganz spaßig, wenn ich auch mit keinem so richtig gesprochen hab.
Heute morgen dann, nach einem weiteren Besuch im Internetcafé (wo man mich schon wiedererkannte und sogar meine Reisepläne im Kopf hatte), machte ich mich auf zum Bahnhof. Und gerade als ich schauen wollte, wo mein Zug abfährt, traf ich den Zauberer vom York Backpackers. "Hey Gringo!" rief er, "There you are again!" Irgendwie mag ich den Mann. *hehe* Hat mir sehr nett geholfen meine Plattform zu finden, und hat zum wiederholten Male meine Skye Batiks-Hose bestaunt. Wirklich sehr netter Mann, sehr geheimnisvoll und nett.
15h45
Edinburgh Castle, Bank im Hof
Gottogott, is das alles peinlich hier *hihi*. Jeder rennt mit Kophhörern und riesigen Abspielgeräten rum - ich natürlich auch. Und spätestens wenn diese freundlichen Stimmen anfangen, ihre Geschichtchen zu erzählen, muss ich grinsen wie blöd. Scheint auch anderen so zu gehen, jedenfalls sträubte sich gerade ein Teenie-Mädel dagegen, den Audioguide zu nutzen.
Außerdem wollte ich vorhin ein dummes Foto von mir und ner Pappfigur machen. Möglichst schnell und unauffällig natürlich, also hab ich gewartet bis keiner in der Nähe war, und dann... dann vergess ich Nase, den Gurt vom Fotoapparat vom Hals zu nehmen, strangulier mich fast und in dem Moment kommt natürlich ein Mann rein, schaut mich leicht verdutzt an und fragt, ob er vielleicht das Foto machen soll? *öhöhö*... aber klar doch, danke!
18h15
Royal Mile Backpackers Hostel, Little Miss Trouble im Bett
Ach ja, ich schrieb ja noch gar nichts über das Hostel. Also, erstmal war das verdammt schwer zu finden. Nix mit 65 Cockburn Street, wie's im Reisehandbuch steht. Bin dann ins nächste Pub, wo man mir zwar sagen konnte, wo`s ist, aber finden konnte ich es trotzdem nicht. Stattdessen fand ich das Highstreet Hostel (das ja demselben Besitzer gehört), fragte da nochmal nach, wurde aus der Tür gewiesen, links rum, und dann immer der Nase nach. Häh? Bin isch blind oda waaas? Nach genauerem Hinsehen entdeckte ich dann den winzigen Treppenaufgang mit dem noch winzigeren Schildchen drüber. Kaum hatte ich das Treppenhaus betreten, erblickte ich schon die gewohnten Top Hostels of Scotland-Charakteristika: bemalte Wände.
Mein Zimmer hier heißt "Little Miss", mein Bett "Trouble" *harhar*... was will uns das sagen? Meine Mitstreiterinnen im Geschlechterkampf heißen "Chatterbox", "Naughty", "Fun", "Giggles", "Stubborn", "Wise", "Late", "Bossy" und "Shy". Bisher aufgetaucht sind Miss Late (ironischerweise als allererste), Miss Stubborn und Miss Wise (Asiatinnen, die ich, von meinen bisherigen Erfahrungen mit Japanerinnen bestärkt, gleich unverbindlich angelabert habe... aber bei den beiden leider kein großes Glück. Man muss sich an die Verzweifelten, Alleinreisenden halten). Und soeben tummeln sich Miss Fun und Miss Giggles vor mir, offensichtlich mother and daughter.
Ich war grad einkaufen - fünf Pfund nochwas. Das Futter muss bis Sonntag reichen, und dann will ich nochn Irn Bru, und koste es meine letzte Haut (hab da dummerweise ganz eindeutig ne Allergie gegen). Vielleicht mach ich mich gleich noch auf zu Arthur's Seat, will doch endlich mal den legendären Sonnenuntergang miterleben (ab und zu ist die Sonne immerhin zu sehen, im Moment). Vorher aber wohl noch ne kostenlose heiße Schokolade *jammjamm*... ich liiiiiiiiebe die Top Hostels!
22h
auf der Couch vorm (nicht befeuerten) Hostelkamin
War ich doch tatsächlich beinahe auf dem Arthur's Seat. Hab mich mit meinem hochgeschätzten Nebenhügel benügt, der sowieso viel bequemer zum Sitzen ist, da dort Gras wächst. Im relativen Windschatten saß ich dann da und wartete und fror.
Es war wunderschön!!!
Hätte bestimmt auch noch spektakulärer sein können (bei besserem Wetter), aber mir hat's gereicht. Hat mich auch viele Fotos gekostet. Letzten Endes (so um acht oder halb neun) war mir aber wirklich ordentlich kalt (hatte meine Handschuhe vergessen!!!), außerdem hatte ich etwas Schiss, im Stockdunkeln den Berg runterzukraxeln (verdammte Steinchen). Also machte ich mich auf nach unten, traf nur ein paar Jogger (die ich jedesmal um ihre Kondition beneidete) und sang und rannte und sprang und tänzelte ein bisschen. Kurzum: mir ging`s echt gut.
*gähn* Müde jetzt... Sollte wohl ins Bett gehen, muss ja morgen recht früh raus und Marie und Anna besuchen.
20.4.01
Freitag
19h30
irgendwo zwischen Hartlepool und Newcastle, im Zug
*grins* What a beautiful day! Habe also heute Treebeard, Gollum und Gollum's boyfriend getroffen. In anderen Worten: Anna, Marie und Chris. Alle im mittelkleinen Küstenstädtchen Hartlepool beheimatet, allerdings nur während der Semesterferien. Eigentlich kann ich gar nicht sehr viel Reisetagebuchtaugliches schreiben - es war halt ein Treffen unter Internetfreunden, und es war ein Riesenspaß!
Touristentechnisch gesehen waren wir in zwei Museen, einmal dem Hartlepool Museum und dann noch in einer Art Gallery in einer alten Kirche. Beides mal wieder sehr kinderfreundlich mit Touchscreens, begehbaren Schiffen und in der Art Gallery einer kleinen Bühne mit austauschbaren Kulissen und einer Kiste voller Kostüme - leider halt nur in Kindergröße, was wir sehr ungerecht fanden. Ortshistorisch waren die Museen auch einigermaßen interessant. Zum Beispiel die Geschichte vom schiffbrüchigen Affen, den die Einwohner von Hartlepool für einen französischen Spion hielten (weil er wohl eine französische Uniform trug... manche Leute kleiden ihre Haustiere ja gerne schick...) und deshalb aufhängten. Schlechte Kombination, wenn man (wie damals üblich) ziemlich ungebildet war, wahrscheinlich Franzosen nur vom Hörensagen kannte ("Wenn die sprechen verstehste kein Wort!"), und sich sowas wie einen Affen nicht mal in den wildesten Träumen vorstellen konnte... da ist so'n haariger Typ angespült worden, trägt ne französische Uniform, und wenn der redet verstehste kein Wort... Bingo, ein Franzose!
Die berühmteste Touristenattraktion von Hartlepool ist zwar das Historic Quay, eine liebevolle Inszenierung des alten Hafenlebens komplett mit einem vor Anker liegenden Großsegler und kostümiertem Bevölkerungsersatz, aber leider kostet das Ganze fast 20 DM. Also lieber nicht.
Essen und Trinken taten wir in einem Pub (I like the way they're saying "poopp" *hehehe*), dessen Namen ich leider schon wieder vergessen habe. Es war irgendwas mit King. Laut Marie das Billigste, aber nicht Schlechteste in der Stadt. Und außerdem "full of scary old men" *Marie stößt die Tür auf* "...see? *hehe*" - yes, I see *lol*.
Sollte irgendwer jemals in Hartlepool stranden: es gibt hier auch ein Multiplexx-Kino und einen riesigen Sandstrand, der zwar recht sauber aussieht, aber ein Atomkraftwerk zum Nachbarn hat. Laut Marie nicht der gesündeste Ort zum Baden.