21.4.01
Samstag
16h40
Stirling Station, im Zug Richtung Edinburgh
Aufgrund der strengen Sparmaßnahmen und daherrührenden Versorgungsrestriktionen in der Reisekasse bewusster Maid aus dem Hause B., leidet eben Genannte großen Hunger. Oh Edinburgh, wie lieblich erscheinet mir dein nahrungsverheißendes Herannahen!
Genug geschwallert. Stirling war sehr schön, zumindest die Gegend rund ums Castle. Argyll`s Lodging war nicht soooo umwerfend, aber architektonisch gesehen jedenfalls recht schnuckelig. Das Castle war toll, so viele Wege, Tore, Winkel, Treppen und Nischen! I'm in lllloooove! Am witzigsten war's im Elphinstone Tower, da gab's nämlich keine Beleuchtung, und irgendwie auch kaum Besucher. So war ich dann erstmal alleine da unten, und als dann weitere Leute die Treppe runter kamen, hat meine unerwartete Anwesenheit eine Dame erschreckt quietschen lassen. *hehehe*
Aber am besten war die Vorführung des Living History of Alba-Typen - erst dachte ich, da käme jetzt ne ganze Theatertruppe, aber nix, es war nur einer, der sich allerdings zugegebenermaßen am Publikum bediente, um Statistenrollen zu besetzen. Aber, keine Angst, es kann nur Kinder treffen. *harhar* Hat er echt super gemacht, hat richtig gute Laune verbreitet und war genauso gut im Erzählen wie Roger damals (wenn auch sein Dialekt nicht ganz so schön war).
Zunächst mal ließ er das gesamte Publikum auf Kommando jubeln, damit zufällig in der Nähe Herumstreunende auf die Vorstellung aufmerksam würden, was auch prompt wirkte. Dann fragte er reihum, wer woher kam. Manchen war das ganz schön peinlich, mir übrigens auch, aber glücklicherweise konnte man sich zur Not ganz gut totstellen. Schließlich ging`s los - der Typ (übrigens im Kilt) gab einen kurzen historischen Überblick über die Sache der Jakobiten, schnappte sich dann einen kleinen, molligen Jungen namens Andrew, steckte ihn in eine Redcoat-Uniform und gab ihm ein kleines Messerchen. Dies, so erklärte er, war der neueste Clou der englischen Heerführung - die Soldaten hatten immer ihre Gewehre benutzt, um damit auf Feinde einzudreschen, wenn die Munition alle war. Das tut auf Dauer den Gewehren nicht gut, also gab man den Jungs diese schicken Messer für den Nahkampf mit auf den Weg.
Andrew sollte nun die englische Armee bei Killiecrankie repräsentieren (wo ja die Jakobiten bekanntlich ihren ersten entscheidenden Sieg gegen eine Übermacht errangen): "But they were 4.000 men, so you gotta move around a lot." - Der Typ selber wollte die 2.000köpfige Highlander-Armee darstellen. Aber, halt, fast vergessen! Natürlich können auch die Jakobiten nicht ohne Waffen in den Kampf ziehen... also kramte er ganz beiläufig sein Claymore (ca 1,5 bis 2 Meter langes Breitschwert) raus, und positionierte sich dem kleinen Redcoat gegenüber, der auch ganz plangemäß ziemlich ernüchtert auf sein Messerchen starrte und nervös kicherte.
So ähnlich hätten auch die Engländer damals reagiert, erklärte der Schotte, und um ihre Meinung zum Thema und die folgende, leicht panikbehaftete Flucht jetzt und hier in aller Ausführlichkeit darzustellen, sollte Andrew der Einfachheit halber mal eben nur so dastehen und locker bleiben, während der Typ sich hinter ihn kniete und mit ihm wie ein Bauchredner mit seiner Puppe spielte. Das Publikum brüllte vor Lachen, und auch Andrew fand das offenbar alles ganz klasse.
Als nächstes ging's dann um die Frage, wie man so ein Riesentrumm wie das Claymore überhaupt den ganzen Tag mit sich rumschleppen konnte - auf der Schulter ist schwierig, denn wird man einmal von hinten gerufen und dreht sich abrupt um, köpft man möglicherweise die Umstehenden. Wiedermal lag das Publikum vor Lachen fast auf dem Boden. Schön war dann auch die Geschichte von dem kleinen Mädchen, dass während einer Vorstellung ganz sachlich argumentierte, dass so etwas Wichtiges wie ein Claymore doch ganz sicher in einer Aktentasche (=briefcase) transportiert werden würde. Eine wunderbare Vorstellung, wie der Typ meinte, er könne den angsterfüllten Schrei der englischen Truppen beim Anblick der anrückenden Highlander förmlich hören: "LOOK! There come the highlanders with their briefcases!"
Gleich darauf vollführte er den wahrhaft beängstigenden Kampfschrei der Highlander, und stellte zufrieden fest, dass er immer noch wirke. Und dann kam der Höhepunkt - die Kampftechniken der Kiltträger: "1. Swing your left arm around and strike your enemy with the dirk sticking out from under your shield, 2. punch him in the nose with the handle of your broadsword and when he`s gone to the ground, use your sword to chop him into very small pieces." Das alles muss man sich natürlich in diesem herrlichen schottischen Dialekt vorstellen. Da klingt dann beispielsweise pieces wie "piiissiiiis".
Aber es geht ja noch weiter. Diesmal ein Bericht aus dem Blickwinkel eines Getroffenen: "He'd run towards you with his sword raised over his head, cut you in half and you'd fall in two pieces." Unterstreichende Handgesten nach rechts und links... Sehr malerisch war auch die Gebrauchsanweisung fürs sgian dubh, das kleine Messer, das eigentlich versteckt in einer Innentasche der Jacke aufbewahrt wurde, bei Besuchen in fremden Häusern jedoch offen im Strumpf steckte (alle anderen Waffen musste man vor der Tür lassen, und das sgian dubh logischerweise offen zur Schau stellen, da ja sonst jeder glauben musste, man hätte es noch in der Jacke). Praktischerweise ließ sich das Messerchen dann auch gleich als Essbesteck benutzen, denn was wusste man schon über die hygienischen Zustände im Hause des Gastgebers?
Jedenfalls nahmen wir für unseren Fall mal an, dass der Gastgeber seinen Gast eigentlich gar nicht leiden kann, aber aufgrund des herrschenden Gesetzes der Gastfreundschaft nunmal ein Essen servieren muss. Doch ist das Essen echt mies, und es entsteht ein Streit. Der Gastgeber fühlt sich ziemlich sicher, ist er doch zuhaus und hat alle seine Waffen in greifbarer Nähe, wohingegen sein Gast ja nur dieses lächerliche Messerchen hat. Aber ein echter Könner wusste mit dem sgian dubh mehr anzufangen als bloßes Pieksen: "He'd grab his enemy by the collar, pull him down onto the table, hold him there and stick his sgian dubh into his neck. Then he`d push him off the table, JUST in time for the dessert."
Sicher nichts für rigorose Pazifisten, aber die Mehrheit fand es definitiv very entertaining. Ein bisschen Spaß muss sein....
Was war sonst noch bemerkenswert? Ach ja, im obligatorischen military museum des Castles blieb ich diesmal ausnahmsweise nicht ganz so unbeeindruckt (wegen genereller Übersättigung) wie sonst. Es gab nämlich Amputationsbesteck zu bestaunen....... und weil ich ja solch eine lebhafte Vorstellung hab, wurde mir bei dem Anblick ganz anders. Dann doch lieber weiterhasten zu den Operation Wüstenfuchs Tarn-Kilts der schottischen Armee *hehehehe*.
Nach Besichtigung der Burg trieb ich mich noch etwas auf dem alten Friedhof rum, wo teilweise noch Grabsteine von 1500 rumstehen. Ich hab ja so ein bisschen eine Schwäche für keltische Kreuze, verwitterte Inschriften, Engelfiguren, Totenköpfe auf Grabsteinen und die bedauernswerte Jugend vieler Grabbewohner...
zwischen 23h und Mitternacht
Royal Mile Backpackers, Lounge
Oh, quel odysee!
Ich wollte doch bloß ganz easy ins Kino, meine letzten hart ersparten Pfunde sinnvoll einsetzen, stattdessen hab ich garantiert ein paar Pfunde abgelaufen - ich bin durchs ganze West End marschiert, auf der Suche nach dem Kino in dem ich letzten Sommer war. Und wer weiß, wo ich sonst noch war, jedenfalls ist mir irgendwann die Haymarket Station über den Weg gelaufen, und kaputt wie ich war, bin ich da in den Zug zur Waverley Station gestiegen. Dann war ich eigentlich fest entschlossen, endgültig zum Hostel zurückzukehren. Aber irgendwas hat mich geritten, ich wollte jetzt dieses verdammte Kino finden, also bin ich die Princes Street nochmal rauf und wieder runter gelatscht, und hab dann auch noch die letzte Himmelsrichtung ausprobiert, wo ich immerhin auf einem Bushaltestellenstadtplan eines "Odeon" gewahr wurde, das - oh, the joy! - gar nicht so weit weg war, und noch dazu - oh, the splendour! - in gerader Linie zum Hostel lag! Also kein Verlaufen möglich (hatte ich Assi doch tatsächlich meine Straßenkarte im Hostel vergessen...).
Das Odeon war dann auch gar nicht zu übersehen, farbig angestrahlt und mit ner riesigen "Es ist Samstagabend und wir wollen alle in Bridget Jones' Diary"-Schlange davor. In diesen Film begab ich mich dann auch, da ich erstens alle anderen angebotenen Filme schon kannte, bzw zu spät dran war, und zweitens doch irgendwas an dem Film dran sein muss, wenn jeder da reinwill. Dank des riesen Andrangs und leichter Probleme am Ticketschalter, begann die Vorführung eine halbe Stunde zu spät, dafür aber auch direkt ohne Werbung. Screen One... riesiger Saal und ungewöhnlich gestaltet...
Der Film war klasse, hab mich weggeschmissen vor Lachen! Genau das Richtige am letzten Abend. Schwer zu glauben, dass es morgen schon wieder heimgeht. *seufz*

22.4.01
Sonntag
11h25
Edinburgh Airport, im kleinsten Passagierflugzeug, das ich je gesehen hab
Himmel, ist das winzig! Das ist jetzt schon wieder fast beängstigend... Aber immerhin hab ich nen Fensterplatz und jede Menge Armfreiheit. Neben mir ist nämlich direkt der Gang. Anders ausgedrückt: Es gibt hier nur den Fensterplatz. 13 A. Bringt ja mal hoffentlich kein Unglück.
Hab kein Kaugummi! Mist... Aber eine Reisetablette hatte ich noch. Naja, wird schon alles gutgehn. Bloß die Musik nervt etwas - irgendein transzendentales Gefiepe. Und ich seh schon wieder hauptsächlich die Tragfläche. *hmpf*
*wiiiiehiiiiehiiiie* Der Pilot heißt Mr. Underhill!! *kicher* Sorry, Tolkien-Fan-Insider...
13h25
Birmingham Airport, im Flugzeug
Jetzt bin ich wieder in nem größeren Flugzeug. Eigentlich schade, das Kleine war doch ganz nett. Und wieder hab ich einen Fensterplatz mit einem Traumausblick auf die Tragflächen. Maaaaaaaaann.........
Der Rest ist Schweigen bis zum nächsten Mal! ;o)