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Impressum
 
 
 
 
Schweden_1998  
 
 
 
Teil 1
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Kleine Erklärung vorab:
 
Die normal geschriebenen Texte sind von mir, Annika, während die kursiven Conny zuzuschreiben sind.
 

 
 
13.9.98
Sonntag
 
Auf in den "wohlverdienten" Urlaub. Wir fliegen...naja, schön wärs... wir *fahren* gleich los. Mit Nils Holgersson, aber seine Gänse sind hier an Bord bestimmt nicht gern gesehen. Fußpassagiere ohne Kabine aber anscheinend auch nicht so. Es gibt jedenfalls keinen offensichtlichen Aufenthaltsort für solche Luxusverschmäher wie uns. Alles ist supertoll schnieke auf "Genießen Sie den Abend, und fallen Sie dann ins Bett" ausgerichtet. Es gibt 'n Café, ne Bar mit Bühne, ein Glückspielzimmer, natürlich Duty Free-Shop... und ein Sonnendeck. Wahrscheinlich ist *das* unser zugeteiltes Plätzchen. Aber die Sonne scheint kein Stück (is doch erst 20Uhr30...), und was machma nu? Im Moment sitzen wir auf den Rettungswesten. Dann sind wir wenigstens im Falle eines Falles (in the unlikely event of an emergency) am ehesten dran. An den Westen, mein ich.
Es ist kalt, selbst mit Birgers hochgelobten Snowboardhemd (trotzdem Danke, ich schätze, es kriecht mir nur leider von Hals und Beinen her rein).
Da drüben sitzt übrigens noch so ne Fußpassagierin auf den Kisten. Wir sind also nicht die einzigen Blöden. Oder sollte sich jemand *freiwillig* hier rausbegeben (und auch draußen bleiben)??? Näää!
...
Es ist nicht grad interessant hier, nein nein. Man sieht die Lastwagen unten vorbeifahren, aber, was bringt's? Man sieht ja die Nummernschilder nich... (ist Nummernschilder gucken eigentlich wirklich so faszinierend, oder geht das nur mir so?)
Den Zug sieht man auch. Wenn er mal kommt. Hier gibt es nur ein Gleis, auf dem sind wir angekommen (mit WE-Ticket und Rucksack von Essen bis Travemünde Skandinavienkai), und auf dem werden wir wohl auch wieder abfahren. Es gibt hier tatsächlich Züge in beide Richtungen. Wollte Conny erst nicht glauben. Tja.
Vorhin haben wir wieder was über Technik gelernt (da sag mal einer, Reisen wäre doch bloß rein zum Vergnügen): Wenn eine benachbarte Fähre ablegt (wenn sie groß genug ist, zumindest), dann ensteht ein solcher Sog, dass bei der noch liegenden Fähre die Gangway (für die Fußpassagiere) vom Schiff weggezogen wird (=keine Fußpassagiere mehr), weil sonst das Schiff dagegen knallt. Und das tut ihm nicht gut, und den (zum Glück ja nicht vorhandenen) Fußpassagieren wahrscheinlich auch nicht. Darum durften wir nicht sofort auf den Nils drauf. Neuerdings heißt der übrigens Holger Nilson, aber egal.
(Kommentar Conny) Nee, bitte mit 2x "s", und ich hab ihn auch schon wieder umgetauft.

Solede, die erste Hürde wäre geschafft - wir sitzen nämlich schon auf der "Holger Nils..." (ich glaube, die letzten Nächte waren zu kurz...). Die Züge waren z.T. sehr voll, doch irgendwie haben wir es immer geschafft, nen Sitzplatz zu ergattern. Die knappe Stunde in HB haben wir mit kurzer Stadtbesichtigung (so ca 300 m gen Westen und zurück) "genutzt" - HH war doch insofern effektiver, als dass ich im Bodyshop Pfoten & Lippen eincremte, und wir - wie kann es in HH auch anders sein - Franzbrötchen kauften. Eines meiner drei hat den kalten Platz in Papiertüte & Stoffbeutel bereits verlassen und verweilt warm, feucht und genießend in meinem "Gaster", also zumindest bis morgen irgendwo im "Abdomen". (Kommentar Annie: Vorsicht! Tiermedizinerin im Kommen... *seufz*)
So geht es ihm besser als uns, da man auf Nobelfähren mit "zig" Kabinen sehr, sehr schwer nen vernünftigen Schlafplatz findet - z. Zt. frieren wir uns nämlich noch draußen den A... ab. Und es sind noch knapp 1 1/2 Stunden bis zum Ablegen.
 

 
Neun Uhr! Wir haben die (einzigste?) undefinierbar scheinende Sitzgruppe zwischen Café und Panorama Bar geentert. Sind auch bereit, sie bis zum Letzten zu verteidigen!
Nichtsdestotrotz quälen uns sorgenvolle Gedanken: Wird man uns behelligen? Wird das hier weiter so ziehen?!? Wie sieht so ne Kabinenfähre eigentlich zu nachtschlafender Zeit aus, wenn man nicht inner Kabine ist, und wahrscheinlich auch nicht schläft? Bald wird das Zeitalter der Aufklärung anbrechen...
 
 
 
 
14.9.98
Montag
 
Guten Morgen! Halb sieben ist's, und wir haben tatsächlich in dieser Nacht (etwas) geschlafen. Nicht da, wo wir vorher saßen (man beachte das Verb!!!), obwohl wir da wirklich nicht vertrieben wurden, und interessant war's da auch. Ständig lief irgendwelches Schiffspersonal rum, hin und her mit Wagen, voll mit erstaunlicherweise jeweils hunderten sauberer Gläser.
Dann wurden Tische geschleppt (diesmal nur in einer Richtung), und da dies hauptsächlich von Männerkes getätigt wurde, gab's viel Kommentare zu hören, und auch nen bisschen was zu sehn. Ich sag jetzt mal, der ein oder andere Mensch auf diesem Schiff hat uns mit einem freundlichen Lächeln bedacht... nein, nein, nein, man hat uns NICHT _aus_gelacht! WUAHAHA, warum auch?!?
Nur weil wir wie zwei Arktisforscher eingepackt (und trotzdem noch frierend) dahockten? Ja niiiie!
Naja, statt uns (wie befürchtet) zu verjagen, wurde uns freundlichst (... spöttelnd) gesagt, dass wir jetzt weiterschlafen könnten, weil, sie wären jetzt fertig...
Nachts ist es tatsächlich wie ausgestorben auf so ner Kabinenfähre. Aber irgendein Mensch scheint vorbeigekommen zu sein und hat Conny gesteckt, dass es in der Cafeteria Bänke zum Pennen gibt (naja, die sind natürlich *nicht* zum Pennen da, aber sie eignen sich gut dafür!).
Da sind wir dann hin, und trafen auch auf ein paar Schicksalsgenossen. Auf eine Bank passten etwa drei Leute (mit angezogenen Knien), und so viele schliefen dann auch drauf. Fuß an Fuß mit einem älteren Herrn (kein Deutscher, i alla fall), am Kopf Connys Füße - na dann, gute Nacht. Um drei Uhr bin ich mal aufgewacht, weil's einfach tierisch unbequem war, und ich dachte, mir fällt jeden Moment das Bein ab, aber dann hab ich bis sechs durchgeschlafen. Sah aber reichlich verdötscht aus, heut morgen.
Ach ja, so rein übernachtungstechnisch: Auf'm Boden schlafen geht auch. Das hat der Kumpel von dem älteren Herrn gemacht (noch ein älterer Herr), so richtig mit LuMa und Schlafsack.
Dat war'et ersma widda.

Kurz nach halb sieben und bereits Land in Sicht. Um 7Uhr30 soll die 9 1/2stündige Fährfahrt zu Ende sein. Die Nacht wurde eigentlich ganz angenehm, nachdem wir erst die einzige Flurtischgruppe weit und breit (also zumindest in den uns erreichbaren Sphären) belegten und nach Panoramacaféschluss - dank Zeichensprachenhinweis eines Passagiers - auf die dortigen Polsterbänke umzogen, wo wir jetzt nach unserem eigenen Futtern den Frühstückenden zuschauen.
Hier zieht es nicht so, und auch die Klimaanlage hat nicht so viel zu tun - zum Glück.
Also ich glaube, meine Kreativität ist noch am schlafen, und da noch ein Apfel durch meinen Ösophagus passt
(Kommentar Annie: Für richtige Abtippweise wird hier keine Garantie übernommen *???*), werde ich wohl Stift und Heft beiseite legen - Bis dann.
 
So, Apfel vertilgt, dabei fiel mir ein, dass ich noch über Kommentare schreiben könnte, die wir auf unseren zugigen Sofas bekamen - von "Prost" über ein Ständchen "Hasta maņana" mit Gute Nacht wünschen, bis zu "widdewiddewidde...". Aber alle so nett mit ihrem Kukident-Lächeln. Wenn sie denn auch zuviel "Wochenshow" gekuckt haben...
 
 
 
 
15.9.98
Dienstag
 
Gekrumpel, Gekrumpel, im Dunkeln is gut munkeln... ich schreibe hier im Zelt, welches (um knapp 20Uhr30) nur spärlich von einer Taschen-hänge-lampe beleuchtet wird.
So viel Zeit ist eigentlich ja noch gar nicht vergangen, seit dem letzten Eintrag, aber - oh - was ist nicht alles passiert in der Zwischenzeit!
Das aktuellste sofort: Conny sucht grad fieberhaft nach so nem dummen, blöden, dussligen, weil verschwundenen Servicehaus-Schlüssel. Wir sind auf nem Campingplatz bei Urshult. Dafür, dass wir eigentlich *gar nicht* auf kostenpflichtigem Grund und Boden übernachten wollten, haben wir das bisher erstaunlich oft getan. Jedesmal nämlich. Das erste Mal (gestern nacht, logischerweise) waren wir auf dem Campingplatz Sikabacken (glaub ich...), direkt am Torsjön. Dieser Platz war schön, aber mausetot. Niemand da, außer uns und ein paar Spaziergängern. Dafür gab's ne Sparbüchse, in die man das Entgelt von 50 Kronen pro Zelt, also knappe 5 DM für jede von uns, zu entrichten hatte. Haben wir sogar gemacht *stolzsei*, obwohl weder Klo noch Dusche offen waren. Immerhin gab's Spülbecken mit Heißwasser und, ganz wichtig, einem Dach drüber. Da konnte man sich mit etwas Mühe und Not sogar die Haare waschen, und danach haben wir uns auf der Veranda ein Süppchen gekocht.
War das ein Heckmeck, diesen blöden Gaskocher anzuschmeißen! Frauen und Technik...
Aber dann war's geschafft, und es gab Honigmelone und Pita als Beilage. Über die Fahrt heute gibt's nich viel zu sagen, außer, dass es *nur* geregnet hat (tut's auch immernoch), wir uns zum dritten Mal seit Fahrtbeginn verfahren haben, dass dieser "Teil der Strecke" immerhin der landschaftlich schönste war, und dass wir mitten im Wald und erbärmlich frierend Nudelsuppe gekocht haben. Das heißt, gekocht hat sie gar nicht, aber sie war warm im Magen (ehrlich, ich glaub fast, mir war noch nie sooo kalt in meinem ganzen jungen Leben...), und die pampigen Nudeln füllten gut. Bloß... was die Gaumenfreude anging, hier ein Zitat von mir höchstpersönlich: "Die schmecken so, wie ein Hund riecht".
Ich frag mich grad, warum wir eigentlich immer erst im Dunkeln zu solch wichtigen Dingen wie Tagebuchschreiben kommen... sehr unökologisch, die totale Batterievergeudung!!!
Wahrscheinlich liegt's am späten Aufstehn (heute 10 Uhr - sowas kam in Irland aber mal gar nicht erst in die Tüte!), am Rumtrödeln beim Losfahren, an ewiger Verfahrerei (dieser Rundweg ist "beschildert"! Man muss sich nur gelegentlich fragen, wo denn die Schilder sind.), schlechten Straßen, und nicht zuletzt auch daran, dass Wildcampen hier tatsächlich gar nicht so einfach ist. Und bei diesem Wetter auch wenig verlockend.
Die warme Dusche (als wir noch den Schlüssel hatten) und, naja, die Küche (in die wir jetzt nicht mehr reinkommen), das sind doch schon ganz nette, wenn nicht lebenswichtige Annehmlichkeiten. Und es regnet, und regnet... Ich hätte ja ne Hütte genommen (ich Weichei), aber, wenn ich erstmal ein paar Tage weiter bin und immernoch einigermaßen lebe, dann werd ich für das gesparte Geld noch dankbar sein.
Eigentlich müsste ich noch das Fresszeugs und den Kocher reinholen. Hab ich im Fahrradkorb vergessen (à propos Fahrradkorb!!! Dieser Fahrradverleih... ach, später). Nasser werden sie wohl eh nicht, aber trotzdem.
Würde das doch nur mal KURZ aufhören zu regnen!!!
Weiter im Text. Zurück in der Zeit. Wir kamen gestern pünktlich um 7Uhr30 in Trelleborg an. Dort trafen wir zufällig ein deutsches Mädchen, Tina, und ihren Professor, den wiederum sie vorher zufällig getroffen hatte. Ich sollte hinzufügen, dass beide ebenfalls als Fußpassagiere auf der Fähre waren. Tina war die, die neben uns auf den Rettungswestenaufbewahrungsbehältnissen (schönes Wort) gesessen hat. Sie hatte auch keine Kabine. Ich *wusste* es doch...
Naja, beide mussten mit dem Bus weiter nach Malmö, genau wie wir. Tina fuhr dann sogar noch mit uns nach Växjö (sprich: Väkchö), diesmal im Zug. Sie macht da wohl ein Praktikum von sechs Monaten - einen Monat war sie schon da, und kam jetzt von nem Heimat-WE zurück. Die Frau kann kein Wort Schwedisch, und hat auch nicht vor, es zu lernen! Ich frag mich, was die da hingezogen haben mag... erstaunlich, erstaunlich.
Na gut, wir sind halt Bus gefahren. Kein Vergleich zu den irischen Straßenverkehrsmitteln... dabei stand im Reiseführer folgendes:
"... Brettern mit Höchstgeschwindigkeiten in große Städte und kleine Dörfer..."
Was verstehen die Autoren denn bitte unter "Höchstgeschwindigkeiten"? Da kann ich ja nur lachen! HA!!! So.
In Malmö wollten wir dann ne Zugfahrkarte kaufen, möglichst billig. Haben wir auch gemacht. Aber so ganz durchblicken tu ich da nich. Der Schaltermensch hat uns *eine* Reslustkort (sowas wie Bahncard) für uns beide angedreht, dabei denke ich eigentlich, die gilt nur für eine Einzelperson (man muss zumindest einen Namen draufschreiben, und sie ist nicht übertragbar (frei aus dem Schwedisch-Kleingedruckten rausinterpretiert...)). Wie dem auch sei, wir kriegten damit den ohnehin schon um 30% reduzierten Jugendtarif nochmal reduziert. Komisch, komisch...
Hat aber geklappt, der Schaffner wollte auch gar nicht die Reslustkort sehen. Wenn mich mein kleines Schwedisch nicht völlig täuscht, steht hinten drauf, dass man die beim Kartenkauf vorlegen muss, und bei der Kontrolle nur auf Verlangen des Schaffners. So so, hmmmm. Naja, soll mir ja egal sein, solang's hinhaut.
Ein weiteres Mysterium der schwedischen Bahnfahrt ist die Reservierung. Es gibt keine Schildchen, stattdessen taucht irgendwann (wenn man Pech hat) ein mehr oder weniger unsicheres Gesichtchen auf, und erzählt einem irgendwas von "sitplats". Dann muss man aufstehen. Im Prinzip könnt da ja jeder kommen. Tsk tsk.
Aber ansonsten sind die Waggons echt schnieke (zumindest in dem Zug hier). Wir dachten erst, wir wären irgendwie falsch, so in der ersten Klasse eher. Mannomann.
In Växjö hat uns Tina netterweise das TI und die Post gezeigt, nicht ohne uns allerdings auf ein beunruhigendes Gerücht hinzuweisen: Deutsche Postsparbücher werden in Schweden nicht mehr anerkannt *?*. So war's dann auch. Das macht Freude. Schließlich hat Conny fest damit gerechnet, dass sie hier Geld von ihrem Postbankkonto abheben kann. Und nu ist sie verdammt knapp bei Kasse.
Wir sind dann erstmal schwer grübelnd und auf Hilfe hoffend ins TI, aber die konnten uns geldtechnisch kein Stück weiterhelfen. Ich fürchte, die Dame hat das gar nicht gecheckt... Aber immerhin hab ich ne Landkarte für die Åsnen Runde erstanden. Und die Adresse von nem Fahrradverleih bekamen wir auch (aber... o.k.... später).
Nachdem wir bei Connys Eltern angerufen hatten, und die schonmal vorsorglich gewarnt waren, dass Conny unter Umständen ne Geldsendung nötig kriegen wird, latschten wir zu dem Verleih. Sehr süß. Aber völlig unprofessionell. Wir haben jetzt Rotes-Kreuz-Fahrräder. Stilecht in rot/weiß (mit rotem Klebeband, wirklich hübsch). Gangschaltung is nich, obwohl Connys Fahrrad wenigstens so aussieht als hätte es eine. Ist bloß leider unbrauchbar und zudem noch ein bisschen lebensgefährlich, da sie bei (versuchsweisem) Gebrauch die Bremse beeinträchtigt. Und was das beste ist: Wir haben keine Taschen!!! Und keinen Ersatzschlauch. Der Mensch meinte, das wär doch nicht nötig, die wären ja noch ganz neu. *mpf*
Körbe für vornedran haben wir aber immerhin gekriegt, und alte Schläuche zum festmachen der Rucksäcke auf dem Gepäckträger (mit ein bisschen Gewalt und grenzenlosem Optimismus geht alles, und auf einmal scheinen Fahrradtaschen wie völlig überflüssiger Luxus).
Die Fahrt gestern war nett, nass und völlig flach (im Gegensatz zu heute), allerdings haben wir uns ziemlich schnell verfahren. Die Ausschilderung mäandert etwas auf der Qualitätsskala...
Aber immerhin, wir sind hier, und hier ist richtig.

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